Die Städte im mittelalterlichen

Heiligen römischen Reich

Die Geschichte der deutschen Städte im Mittelalter folgt einerseits gemeinsamen und vergleichbaren Linien und Zügen wie in anderen Regionen und Ländern Europas, zeigt aber auch spezifische Entwicklungen.

Wie in anderen Teilen Europas erkennt man mehrere chronologische Schichten einer progressiven Gründung und eines allmählichen Aufbaus der städtischen Landschaft. Das Erbe der römischen Antike lässt sich, so wie in Frankreich, Spanien, Italien und auch zum Teil England, in Städten wie Trier, Köln, Mainz usw. wieder finden. Aber der erste bemerkenswerte Unterschied besteht darin, dass nur ein Teil des heutigen Deutschlands unter dem römischen Einfluss lag, nämlich dort wo die Provinzen der Germania sich hinter dem Limes niedergelassen hatten. Jenseits der linearen Verteidigungsmauer waren die heutigen nördlichen und östlichen Gebiete des späteren Heiligen römischen Reichs viel weniger städtisch und römisch geprägt.

Die zweite chronologische Stufe begleitet die Gründung des karolingischen Reichs, ab 750/800, indem eine Ausdehnung der Städte einerseits von der römisch-katholischen Kirche, verbunden mit der Christianisierung der heidnischen Territorien in Richtung Sachsen und weiter am Rand des heutigen Zentraleuropas, und andererseits von den karolingischen Landesherren in der Form der Pfalzen, der Burgen, der Domstädte und der ersten Handelszentren gleichzeitig getrieben wurde.

Die dritte chronologische Phase besteht ab dem 12./13. Jahrhundert in der Erweiterung des städtischen Netzes unter dem Einfluss der Gründung von Städten durch die weltlichen und kirchlichen Landesfürsten (1), als Folge der wirtschaftlichen Vernetzung der Handelsrouten und der Flüsse zwischen der Hanse im Norden und der aktiven und dicht bevölkerten Territorien Oberdeutschlands im Süden (2), durch die sogenannte Ostsiedlung in Richtung Polen, Tschechien und Ungarn (3), durch die Ausbreitung der Fürstentümer durch die Kurfürsten, die zusammen mit dem Rex Romanorum bzw. Kaiser, das spätmittelalterliche Reich tragen und strukturieren (4).

Der Vortrag wird sich auf diese dritte letzte Periode der städtischen Erweiterungen und Gründungen zwischen 1250 und 1500 konzentrieren, da die Quellen spezifische und unterschiedliche Phänomene wie Befestigung, Organisation der Zünfte, Struktur des Handels und des Handwerks, städtisches Recht, Städtebünde, Aufstände oder Universitätsleben innerhalb der Städte besser dokumentieren.

Das Fazit um das Jahr 1500 zieht am Ende eine Bilanz der Merkmale der deutschsprachigen mittelalterlichen städtischen Landschaft: keine einzige Hauptstadt, kein urbanes Monstrum wie Paris oder mehrere italienische Kommunen, eine Diversität der städtischen Strukturen zwischen Ost und West, der Versuch andere politisch-wirtschaftliche horizontale Organisationen auf der Basis der Städte zu schaffen (Hanse, Eidgenossenschaft), die Überlegenheit bzw. der Vorrang der kleineren und mittleren Städte, die langwierige Niederlassung deutschstämmiger Gruppen in östlichen Städten weit über die Grenzen des Heiligen römischen Reiches hinaus.

FREITAG, 09. APRIL

10:00 UHR

Ihr Dozent

Pierre Monnet, geboren 1963, ist ehemaliger Hochschulabsolvent der Ecole Normale Supérieure in Paris. Nach Studium der Geschichtswissenschaft an der Universität Sorbonne und an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris (EHESS), promoviert er 1994 über die Patriziereliten der Stadt Frankfurt am Main im Spätmittelalter. Seine erste Universitätsstelle als Privatdozent bekommt er an der Universität Dijon 1994-1996. Von 1996 bis 2003 leitet er die Mission Historique Française en Allemagne am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte. 2003 verteidigt er seine Habilitation über Kommunikation und Außenpolitik der deutschen Städte im Spätmittelalter. 2003 bis 2005 hat er den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Universität Versailles inne. 2005 wird er zum Directeur d'études an der EHESS in Paris. 2008 bis 2011 ist er Vize-Präsident dann Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken. Seit 2011 leitet er das deutsch-französische Institut für Geisteswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt, wo er seit 2013 auch als adjunct professor ernannt wurde. 

Lesetipps :


Geschichte Deutschlands im Mittelalter 

Joachim Ehlers, Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das westliche Europa, München, 2004.

Christian Hesse, Synthese und Aufbruch (1346–1410), Stuttgart, 2017.

Frank Rexroth, Deutsche Geschichte im Mittelalter, München, 2005.

Ernst Schubert, Einführung in die Grundprobleme der deutschen Geschichte im Spätmittelalter, Darmstadt, 1992.

Stefan Weinfurter, Das Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500, München, Beck, 2008.

Die drei Bände der Propyläen Geschichte Deutschlands bleiben eine klassische Referenz:

Johannes Fried, Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024, Berlin, 1994.

Hagen Keller, Zwischen regionaler Begrenzung und universalem Horizont. Deutschland im Imperium der Salier und Staufer 1024-1250, Berlin, 1985.

Peter Moraw, Von offener Verfassung zu gestalteter Verdichtung. Das Reich im späten Mittelalter 1250-1490, Berlin, 1985.

 

Deutsche Stadtgeschichte: Historiographie, Methodologie

Wilfried Ehbrecht (dir.), Voraussetzungen und Methoden geschichtlicher Städteforschung, Köln/Wien, 1979.

Peter Johanek (dir.), Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff, Weimar-Wien, Böhlau, 2004.

Webseite des südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung: http://www.stadtgeschichtsforschung.de/

Webseite des Instituts für vergleichende Städtegeschichte der Universität Münster: https://www.uni-muenster.de/Staedtegeschichte/

 

Darstellungen, Handbücher

Gerd Althoff, Hans-Werner Goetz, Ernst Schubert, Menschen im Schatten der Kathedrale, Darmstadt, 1998.

Hartmut Boockmann, Die Stadt im späten Mittelalter, München, 1987.

Hans-Jürgen Brachmann (Hg.), Burg, Burgstadt, Stadt. Zur Genese mittelalterlicher nichtagrarischer Zentren in Ostmitteleuropa, Berlin, 1995.

Bernhard Diestelkamp (Hg.), Beiträge zum hochmittelalterlichen Städtewesen, Köln, 1982 und Bernhard Diestelkamp (Hg.), Beiträge zum spätmittelalterlichen Städtewesen, Köln, 1982.

Edith Ennen, Die europäische Stadt des Mittelalters, Göttingen, 1972.

Evamaria Engel, Die deutsche Stadt des Mittelalters, München, 1993.

Evamaria Engel, Frank-Dietrich Jacob, Städtisches Leben im Mittelalter, Wien, 2006.

Carl Haase, Die Stadt des Mittelalters, Darmstadt, 1969, 3 Bde.

Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150-1550. Stadtgestalt, Recht, Verfassung, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Köln/Weimar/Wien, 2012.

Harry Kühnel (Hg.), Das Leben in der Stadt des Spätmittelalters, Wien, 1976.

Harry Kühnel (Hg.), Alltag im Spätmittelalter, Wien/Köln, 1986.

Hans Planitz, Die deutsche Stadt im Mittelalter, Wien, 1954.

Wilhelm Rausch, Die Stadt am Ausgang des Mittelalters, Linz, 1974.

Felicitas Schmieder, Die mittelalterliche Stadt, Darmstadt, 2005.