Dies Bildnis ist bezaubernd schön - ein Streifzug durch die Kunstgeschichte

Die Gestaltung eines Bildnisses bzw. Selbstbildnisses gibt uns Auskunft über das Selbstverständis des Menschen in seiner Epoche. Wie wird der Mensch dargestellt? Welche Eigenschaften werden betont, wo übt sich der Künstler in Zurückhaltung?

Faszinierend ist es zu sehen, wie die Stifterfigur des Mittelalters sich wandelt zu einer Darstellung, die den Menschen individuell mit portraithaften Zügen ausstattet. In den kommenden Jahrhunderten leuchten sehr verschiedene Eigenschaften auf, die Erwartungshaltung an ein Bildnis bzw. Selbstbildnis zeigt sich doch sehr verschieden:

Wir sehen das Renaissanceportrait, das den schaffenden, sich selbst entdeckenden Menschen in seiner Tatkraft und Funktion thematisiert, die gesellschaftliche Inszenierung des Menschen im Standesportrait des Barockzeitalters, die Tändeleien und Verkleidungen des Rokoko. Die Aufklärung konfrontiert uns mit neuen Ideen und lässt das Private in die Darstellung des Menschen hinein.

Das 19. Jahrhundert beginnt, auch die "untere Gesellschaftsschicht" zu portraitieren und ruft damit eine harsche und vernichtende Kriitik der Kunstkritiker auf den Plan. So wird den Realisten abschätzig attestiert, sie zeigen die Bauern und Handwerker "...in ihrer ganzen Plattheit dieses niedrigen und gewöhnlichen Daseins..."

Das 20. Jahrhundert konfrontiert uns mit der Subjektivität des einzelnen Menschen, mit seiner Vereinzelung, Freude, mit seiner ganzen Individualität.

Das Web-Seminar ist als kontrastreicher Streifzug durch die Kunstgeschichte konzipiert und stellt hochkarätige Werke vor von großen Namen wie Peter Paul Rubens, den Franzosen Nicolas de Largillière und Jean-Etienne Liotard, den Deutschen Anselm Feuerbach und Ernst Ludwig Kirchner und selbstverständlich Rembrandt, dem Ausnahmekünstler und großen Meister des Selbstbildnisses der besonderen Prägung, der sogenannten Tronie. Kontrastreich sind ebenso die Biografien, die in den Bildnissen und Selbstportraits aufleuchten: Wir lernen die Prinzessin Karoline Luise von Hessen-Darmstadt kennen, die später als Markgräfin von Baden im Karlsruher Schloss eine aufgeklärte Kunstsammelleidenschaft an den Tag legen und einen wesentlichen Beitrag zur Karlsruher Gemäldesammlung leisten wird. Marguerite Le Comte wird als moderne Frau des 18. Jahrhunderts zur Vorreiterin weiblicher Emanzipation und Anna Risi, die Analverbetin zur gefeierten Ikone ausländischer Küntler in Rom.

Eckdaten :

1430/40 : Der Nürnberger Meister zeigt Stifterfiguren mit Wappen.

1545 : Jörg Herz, der Münzkürner, wird von dem Dürer-Schüler Georg Pencz portraitiert, der Eindrücke der italienischen Renaissancemalerei verarbeitet.

1607/08 : lässt sich Veronica Spinola Doria vom Barockmeister Peter Paul Rubens wie eine thonende Prinzessin abbilden.

Rembrandts Tronie von 1645/48 zeigt den Künstler auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Nicolas de Largillère wird zum maßgeblichen Portraitmeister des 18. Jahrhunderts, er malt den Edelmann im Jagdkostüm und Bildnis einer Dame.

1745 : Prinzessin Karoline Luise zeigt sich selbstbewußt an der Staffelei.

Maruerite Le Comte, eine skandalträchtige Dame der Gesellschaft wird 1753 durch Maurice Quentin de la Tour in Pastell umgesetzt.

1861 : stilisiert Anselm Feuerbach das Model Anna Risi zur Ikone.

Hans Thoma löst 1866 mit seinem Bild Mutter und Schwester, in der Bibel lesend einen Skandal aus.

1919/20 : gibt Ernst Ludwig Kirchner ungeschminkte Einblicke in seine ganz persönliche emotionale Verfassung.

MITTWOCH, 12. mai

10:00 UHR

Ihre Dozentin

Dr. Ursula Margarete Schmitt-Wischmann ist Kunsthistorikerin und seit rund 30 Jahren als Museums- und Kunstpädagogin für die Kunstvermittlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe tätig. Sie hat ebenfalls Ihr eigenes Kunstatelier im Herzen Heidelbergs und gibt Kurse im Heidelberger Weststadthaus und einer Privatschule. Sie ist ebenfalls die Autorin des malerischen Werkverzeichnisses zu Max Kaus.

Lesetipps :

Porträtmalerei aus dem Besitz der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (Hrsg.), Karlsruhe 1989.

Jan Lauts, Französische Bildnisse, Karlsruhe 1971.

Ausgewählte Werke der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Bd.1, 150 Gemälde vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Karlsruhe 1988.

Eva-Marina Froitzheim, Hans Thoma, ein Begleiter durch die Hans-Thoma-Slg. der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Karlsruhe 1993.

Werner Zimmermann, Anselm Feuerbach, Karlsruhe, 1989.

Kirsten Claudia Voigt, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, München, Berlin, 2005.

Sigmar Holsten, Malerei des 20. Jahrhuderts, Bestandskatalog der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, 2011.

Katalog Unter vier Augen, Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, 2013.

Katalog Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie, Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, 2015/16.